30. Chaos Communication Congress (30C3) in Hamburg ohne Motto

Ich habe mir wieder den ersten Tag beim 30. Chaos Communication Congress (30C3) des Chaos Computer Clubs (CCC) in Hamburg gegönnt, der mit über 9000 Besuchern und weiteren Vortragsräumen des CCHs (Congress Centrum Hamburg) größer denn je war.

Während letztes Jahr noch das Motto „Not my department“ dem Ereignis einen Rahmen gab, war der erste Kongress im Jahr Null der Post-Snowden-Ära mottofrei. In der Eröffnungsrede des Jubiläumstreffens erläuterte Tim Pritlove, dass kein Motto den Überwachungsalbtraum und die herrschende Sprachlosigkeit fassen könne.

Als Besucher sind die Ausarbeitungen der vielen Projektgruppen spannend, die von engagierten Menschen gerne erklärt werden (beispielsweise Lockpicking, Seidenstraße oder die Electronic Frontier Foundation). Und natürlich gab es wieder zahlreiche (düstere) Vorträge – ich habe folgende verfolgt:

Keynote von Journalist Glenn Greenwald per Skype

Die Keynote wurde dieses Mal von dem Guardian-Journalisten Glenn Greenwald gehalten, der für die Veröffentlichung der Snowden-Dokumente bekannt geworden ist. Der Vertraute von NSA-Whistleblower Edward Snowden sprach per Skype-Konferenz aus Brasilien zu den Kongress-Teilnehmern in den beiden überfüllten Sälen 1 und 2. Der Heise-Artikel ‚NSA-Enthüllungsjournalist Greenwald an Hacker: „Die Macht liegt in Euren Händen“‚ gibt den Inhalt der einstündigen Rede wieder.


Kryptographie nach Snowden – Was tun nach der mittelmäßigen Kryptographie-Apokalypse?

Der Professor Rüdiger Weis erläuterte in einem kurzweiligen Vortrag, welche Verschlüsselungsalgorithmen nach den NSA-Enthüllungen noch als sicher gegenüber Geheimdiensten gelten (und welche alle nicht). Außerdem spendete er Trost, dass die Mathematik der Kryptographie sicher sei und verwendete das Zitat des Krypto-Expertens Bruce Schneier „Die Mathematik ist unser Freund“ (Heise-Artikel).

Leider schleichen sich in der Umsetzung von kryptographischen Algorithmen „Fehler“ ein (wie schlechte Zufallszahlengeneratoren), die von US-Firmen und Geheimdiensten mit einem Millionen-Etat „entwickelt“ werden. Misstrauen sei gegenüber US-amerikanischen Betriebssystemen, wie Windows, und den verwendeten Kryptoverfahren angebracht, wobei nach all den bekannt gewordenen Informationen auch von einem „Todesurteil für US-Kryptographie“ gesprochen werden könne.


Der tiefe Staat

Im Vortrag „Der tiefe Staat“ erläuterte Andreas Lehner, wie sich der Begriff in der Türkei für einen Staat im Staat gebildet hätte und wie sich dort Staatsapparate verselbstständigten. Dann wurden Parallelen zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dargestellt und auf die Rolle der Geheimdienste eingegangen. Eine Zusammenfassung kann man bei Heise nachlesen: 30C3-Tiefer Staat will Deutschland-Netz


Der Kampf um Netzneutralität – Wer kontrolliert das Netz?

Abschließend habe ich mir den Vortrag von Markus Beckedahl und Thomas Lohninger zum Thema Netzneutralität angehört. Die Aussichten sind momentan sehr trübe. Politiker unterstützen lieber die Wirtschaftsinteressen der großen Telekommunikationsunternehmen (insbesondere der Deutschen Telekom), als auf die Warnungen von Verbraucherschützern, Bürgerrechtlern und NGOs für ein freies, offenes, vielfältiges und ungedrosseltes Netz einzugehen (http://www.netzneutralitaet.cc/). Das EU-Parlament entscheidet im Februar über Netzneutralität und daher wurden alle aufgerufen, unter http://savetheinternet.eu/ einige der EU-Volksvertreter anzurufen.


Fazit

Es gab natürlich noch allerhand mehr Vorträge von prominenten internationalen Netz-Aktivisten:

Während Edward Snowden und Julian Assange in ihrer Reisefreiheit momentan sehr stark eingeschränkt sind, bevorzugen es Sarah Harrison, Jacob Applebaum und die Snowden-Unterstützerin Laura Poitras in Berlin zu leben (Stern-Bericht).

Das Potential der Netz-Aktivisten, Technik-Interessierten und Bürgerrechtlern (über 9000 Teilnehmer beim 30C3 !) sollten Deutschland und Europa nutzen. Also jetzt mal los Angela Merkel und Siegmar Gabriel: Terrorismus-Angst nehmen, Geheimdienste beschränken, Macht von Banken und Unternehmen reduzieren, Asyl für Edward Snowden, Whistleblower schützen, Bürgerrechte ausweiten und Demokratie stärken – und bitte nicht alles aussitzen !!!

Wem die Vorträge zu lang und zu trocken sind, kann sich den Themen auch in kleinen Häppchen mit den Videos von Tilo Jung „Jung & Naiv“ nähern. Hier die 30C3-Beiträge #102-#106 mit Tim Pritlove, Jan Philipp Albrecht, Fefe, Alexa O’Brien und Constanze Kurz.

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Eine Antwort zu “30. Chaos Communication Congress (30C3) in Hamburg ohne Motto

  1. Danke für die Zusammenfassung.
    Krankheitsbedingt konnte ich leider nicht dabei sein. Dafür konnte ich mir den Vortrag von ruedi zur Kryptographie anschauen.
    Grüße

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